Ratgeber · Kostenrechnung
Mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung: Beispiel mit Lösung
Von Marcello Frisella · 30.10.2026 · 6 Min. Lesezeit
Kurz beantwortet
Die mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung zieht vom Umsatz zuerst die variablen Kosten ab (DB I), dann die Fixkosten, die einem Produkt direkt gehören (DB II), dann die Fixkosten einer Produktgruppe (DB III) und zuletzt die Unternehmensfixkosten, um das Betriebsergebnis zu erhalten. So wird sichtbar, welches Produkt und welche Gruppe ihre eigenen Fixkosten tragen. Ein negativer DB II heißt aber nicht automatisch, dass ein Produkt gestrichen werden sollte: Entscheidend ist, welche Fixkosten tatsächlich wegfallen würden.
Die mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung zeigt, welches Produkt und welche Produktgruppe ihre eigenen Fixkosten verdienen. Dazu werden die Fixkosten nicht in einem Block abgezogen, sondern Stufe für Stufe: erst die Fixkosten, die zu einem einzelnen Produkt gehören, dann die einer Produktgruppe, zuletzt die des ganzen Unternehmens.
Dieser Artikel rechnet ein vollständiges Beispiel mit fünf Produkten und drei Gruppen durch und zeigt, warum die naheliegende Entscheidung, das schwächste Produkt zu streichen, oft falsch ist. Die Grundlagen zur Formel stehen im Ratgeber Deckungsbeitrag berechnen.
Das Schema in drei Stufen
Das Schema zieht die Kosten in der Reihenfolge ab, in der sie sich einem Kostenträger zuordnen lassen:
| Stufe | Rechnung |
|---|---|
| Umsatz | Menge × Preis |
| − variable Kosten | Material, Ware, Provision, Fracht |
| = DB I | Deckungsbeitrag je Produkt |
| − produktfixe Kosten | Kosten, die nur wegen dieses Produkts anfallen |
| = DB II | |
| − gruppenfixe Kosten | Kosten einer Produktgruppe, Sparte oder Abteilung |
| = DB III | |
| − unternehmensfixe Kosten | Geschäftsführung, Buchhaltung, Miete der Zentrale |
| = Betriebsergebnis |
Wichtig ist die Zuordnung: Eine Kostenposition gehört auf die niedrigste Stufe, der sie eindeutig zugerechnet werden kann. Was sich niemandem zuordnen lässt, bleibt bei den unternehmensfixen Kosten.
Die Ausgangsdaten
Ein kleiner Möbelhersteller verkauft fünf Produkte in drei Gruppen. Die Zahlen gelten für ein Jahr, alle Beträge netto.
| Produkt | Gruppe | Menge | Preis | variable Kosten je Stück | produktfixe Kosten |
|---|---|---|---|---|---|
| Esstisch | A Tische und Stühle | 420 | 180 € | 110 € | 24.000 € |
| Stuhl | A Tische und Stühle | 2.100 | 65 € | 38 € | 10.000 € |
| Regal | B Wohnmöbel | 900 | 140 € | 92 € | 16.000 € |
| Couchtisch | B Wohnmöbel | 350 | 120 € | 78 € | 15.000 € |
| Montageservice | C Service | 600 | 90 € | 55 € | 23.000 € |
Dazu kommen gruppenfixe Kosten: Gruppe A 18.000 € (Lagerfläche, Ausstellung), Gruppe B 12.000 € (Lagerfläche, Katalog), Gruppe C 5.000 € (Werkzeug, Fahrzeugkosten anteilig). Die unternehmensfixen Kosten liegen bei 30.000 €.
Produktfixe Kosten sind hier zum Beispiel die Formwerkzeuge und Vorrichtungen für einzelne Möbel sowie beim Montageservice das Gehalt des Monteurs, das unabhängig von der Zahl der Aufträge anfällt.
Stufe 1: DB I je Produkt
Der DB I ist Umsatz minus variable Kosten.
| Produkt | Umsatz | variable Kosten | DB I | DB je Stück | DB-Quote |
|---|---|---|---|---|---|
| Esstisch | 75.600 € | 46.200 € | 29.400 € | 70 € | 38,9 % |
| Stuhl | 136.500 € | 79.800 € | 56.700 € | 27 € | 41,5 % |
| Regal | 126.000 € | 82.800 € | 43.200 € | 48 € | 34,3 % |
| Couchtisch | 42.000 € | 27.300 € | 14.700 € | 42 € | 35,0 % |
| Montageservice | 54.000 € | 33.000 € | 21.000 € | 35 € | 38,9 % |
| Summe | 434.100 € | 269.100 € | 165.000 € | 38,0 % |
Auf dieser Stufe sieht alles gut aus: Jedes Produkt hat einen positiven Deckungsbeitrag, die Quoten liegen zwischen 34 und 42 %. Eine einstufige Rechnung würde hier aufhören, alle Fixkosten von 153.000 € abziehen und ein kleines Plus ausweisen, ohne zu zeigen, wo das Geld verloren geht.
Stufe 2: DB II nach produktfixen Kosten
| Produkt | DB I | produktfixe Kosten | DB II |
|---|---|---|---|
| Esstisch | 29.400 € | 24.000 € | 5.400 € |
| Stuhl | 56.700 € | 10.000 € | 46.700 € |
| Regal | 43.200 € | 16.000 € | 27.200 € |
| Couchtisch | 14.700 € | 15.000 € | −300 € |
| Montageservice | 21.000 € | 23.000 € | −2.000 € |
| Summe | 165.000 € | 88.000 € | 77.000 € |
Jetzt kippt das Bild. Der Esstisch hat den höchsten Deckungsbeitrag je Stück (70 €), trägt aber nach seinen eigenen Fixkosten nur noch 5.400 € bei. Couchtisch und Montageservice verdienen ihre eigenen Fixkosten nicht. Der Stuhl, mit nur 27 € je Stück der unscheinbarste Artikel, ist der eigentliche Ergebnisträger.
Stufe 3: DB III je Gruppe
| Gruppe | DB II | gruppenfixe Kosten | DB III |
|---|---|---|---|
| A Tische und Stühle | 52.100 € | 18.000 € | 34.100 € |
| B Wohnmöbel | 26.900 € | 12.000 € | 14.900 € |
| C Service | −2.000 € | 5.000 € | −7.000 € |
| Summe | 77.000 € | 35.000 € | 42.000 € |
Betriebsergebnis
Betriebsergebnis = Summe DB III − unternehmensfixe Kosten = 42.000 € − 30.000 € = 12.000 €
Bei 434.100 € Umsatz sind das 2,8 % Umsatzrendite. Das Unternehmen verdient Geld, aber knapp, und die Rechnung zeigt genau, wo: Gruppe A trägt fast alles, der Service kostet unter dem Strich 7.000 € im Jahr.
Die Entscheidung: Montageservice einstellen?
Die naheliegende Schlussfolgerung lautet: Montageservice streichen, Ergebnis steigt um 7.000 €. Das stimmt nur unter zwei Bedingungen.
1. Die Fixkosten fallen wirklich weg. Rechnen wir zwei Fälle:
| Szenario | wegfallender DB I | wegfallende Fixkosten | Wirkung auf das Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Monteur und Gruppenkosten fallen weg | −21.000 € | +28.000 € | +7.000 € |
| Nur der Monteur fällt weg, Fahrzeug und Werkzeug bleiben | −21.000 € | +23.000 € | +2.000 € |
| Monteur wird intern weiterbeschäftigt | −21.000 € | 0 € | −21.000 € |
Wird der Monteur nicht entlassen, sondern in der Fertigung eingesetzt, ohne dass dort Kosten an anderer Stelle sinken, verschlechtert das Streichen das Ergebnis um 21.000 €. Produktfixe Kosten sind nur dann entscheidungsrelevant, wenn sie abbaubar sind.
2. Es hängen keine anderen Umsätze am Produkt. Kaufen Kunden Esstisch und Stühle, weil die Montage dazu angeboten wird, gehen mit dem Service auch Möbelverkäufe verloren. Schon 30 Esstische mit je 70 € DB und 120 Stühle mit je 27 € DB weniger kosten 5.340 € und fressen den Vorteil nahezu auf.
Bessere Alternativen sind deshalb oft: den Montagepreis erhöhen (bei 600 Aufträgen bringt jeder Euro mehr 600 €, schon 12 € Aufpreis drehen den DB III ins Plus), Montage nur ab einem Mindestauftragswert anbieten oder die Montage an einen Subunternehmer geben und den Monteur als Fixkosten loswerden.
Couchtisch: knapp negativ, was tun?
Der Couchtisch fehlt nur 300 € zum Ausgleich seiner eigenen Fixkosten. Hier helfen kleine Hebel:
- Preis: 1 € mehr je Stück bringt bei 350 Stück 350 €, also den Ausgleich.
- Menge: Acht Couchtische mehr (8 × 42 € = 336 €) reichen ebenfalls.
- Fixkosten: Läuft das Werkzeug aus und muss ersetzt werden, ist das der richtige Moment für die Frage, ob sich die Neuanschaffung lohnt.
Ein knapp negativer DB II ist ein Arbeitsauftrag, kein Todesurteil.
Typische Fehler in der Praxis
- Fixkosten falsch zugeordnet. Wer die Geschäftsführung auf die Produkte verteilt, macht aus der mehrstufigen wieder eine Vollkostenrechnung. Was keinem Produkt eindeutig gehört, bleibt oben.
- Nur auf die DB-Quote schauen. Der Stuhl hat die beste Quote und den niedrigsten DB je Stück, trotzdem ist er der wichtigste Artikel. Entscheidend ist der absolute Beitrag.
- Abbaubarkeit ignorieren. Siehe Montageservice: Kosten, die bleiben, sind für die Entscheidung irrelevant.
- Einmal rechnen und vergessen. Preise, Einkaufskosten und Mengen ändern sich. Einmal im Quartal neu rechnen reicht für die meisten kleinen Unternehmen.
Wie Sie Preise so aufbauen, dass der Deckungsbeitrag von Anfang an stimmt, zeigt der Ratgeber zur Zuschlagskalkulation. Für einen schnellen Einzelcheck gibt es den kostenlosen Deckungsbeitrag-Rechner.
Die Rechnung in Excel
Die Vorlage Mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung bildet genau dieses Schema ab: bis zu 15 Produkte und 5 Gruppen, DB I bis DB III, DB-Quoten, eine Rangfolge nach DB II, das Betriebsergebnis und eine Warnung bei negativen Deckungsbeiträgen. Sie tragen Mengen, Preise und Kosten ein, die Stufen rechnen sich automatisch.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen einstufiger und mehrstufiger Deckungsbeitragsrechnung?
Die einstufige Rechnung zieht alle Fixkosten in einem Block ab. Die mehrstufige verteilt die Fixkosten auf Stufen (Produkt, Produktgruppe, Unternehmen) und zeigt so, wer welche Fixkosten verursacht.
Was sind produktfixe Kosten?
Fixkosten, die nur wegen eines bestimmten Produkts anfallen, unabhängig von der Menge: etwa eine Spezialmaschine, ein Werkzeug, Produktwerbung, Lizenzgebühren oder eine Zertifizierung.
Soll ich ein Produkt mit negativem DB II einstellen?
Nur wenn die produktfixen Kosten dann wirklich wegfallen und keine anderen Umsätze am Produkt hängen. Läuft ein Leasingvertrag weiter oder kaufen Kunden das Produkt zusammen mit anderen, kann das Einstellen das Ergebnis verschlechtern.
Wie viele Stufen braucht eine mehrstufige Deckungsbeitragsrechnung?
Für kleine Unternehmen reichen meist drei: Produkt, Produktgruppe und Unternehmen. Größere Betriebe ergänzen Stufen für Sparten, Kostenstellen oder Bereiche.